David Bohm schreibt in seinem Buch „Das neue Weltbild“: „Sie werden sich wundern, wie viel Weisheit in Tautologien steckt.“ Im gegenwärtigen ADHS-Diskurs entfaltet die Tautologie tatsächlich eine eigentümliche Wirkung. Wer sagt: „Ich habe Konzentrationsprobleme, weil ich ADHS habe“, erklärt das Phänomen letztlich mit sich selbst. A = A.
Für Betroffene kann eine Diagnose eine enorme Entlastung darstellen. Sie schafft Sprache für bislang unverstandene Erfahrungen und kann den Zugang zu hilfreichen Behandlungen eröffnen. Gleichzeitig besteht jedoch die Gefahr, dass diagnostische Kategorien zu Identitätskategorien werden. Besonders in sozialen Medien scheint ADHS für manche Menschen nicht nur eine Diagnose, sondern zunehmend eine Selbstbeschreibung zu sein – mit erheblicher persönlicher und finanzieller Investition in die Diagnosestellung.
Die Attraktivität einer solchen Identifikation liegt auf der Hand. Sie ordnet widersprüchliche Erfahrungen, reduziert Selbstzweifel und entlastet von der oft schmerzhaften Frage, warum das eigene Leben immer wieder aus dem Gleichgewicht gerät. Wo zuvor Unsicherheit bestand, entsteht Gewissheit; wo zuvor Entwicklung als offene Aufgabe erschien, tritt eine scheinbar stabile Erklärung an ihre Stelle. Gerade darin liegt jedoch auch eine Versuchung: Identität kann unmerklich an die Diagnose gekoppelt werden. Was zunächst entlastet, kann dann ungewollt zum Ausgangspunkt einer Selbstbeschreibung werden, die Entwicklungsmöglichkeiten eher einengt als eröffnet.
Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass ADHS – wie andere psychische Erkrankungen auch – kein statischer Zustand ist, sondern ein dynamischer biopsychosozialer Prozess. In der heutigen ADHS-Forschung wird weder ein rein genetisch-neurobiologisches noch ein ausschließlich umweltbedingtes Erklärungsmodell zugrunde gelegt. Vielmehr wird ADHS als das Ergebnis komplexer Wechselwirkungen zwischen genetischer Vulnerabilität, neurobiologischer Entwicklung und psychosozialen Umweltfaktoren verstanden.
Gerade die Mentalisierungsforschung weist darauf hin, dass viele psychische Störungen – darunter auch ADHS – mit Einschränkungen der Fähigkeit verbunden sind, eigene und fremde mentale Zustände differenziert wahrzunehmen und zu regulieren. Mentalisieren ist eine entwicklungsfähige Kompetenz. Entsprechend zeigen mentalisierungsbasierte Therapieansätze und gruppenpsychotherapeutische Verfahren, dass sich Emotionsregulation, Selbststeuerung und Beziehungsfähigkeit verbessern lassen. Diese Perspektive wurde in verschiedenen Forschungsarbeiten zur Mentalisierung und psychodynamischen Psychotherapie hervorgehoben.
In diesem Sinne erscheint ADHS weniger als unveränderliche Eigenschaft eines Gehirns denn als eine Störung der Selbstregulation, die biologische, gesellschaftliche und psychologische Dimensionen gleichermaßen umfasst. Medikamente können hierbei für viele Menschen eine symptomatische Hilfe sein. Als Allheilmittel erhofft, behindern sie jedoch den persönlichen Entwicklungsraum durch eine rein materielle Antwortsuche.
Der Neurodiversitätsdiskurs hat zweifellos wichtige Verdienste. Er hat dazu beigetragen, Stigmatisierung abzubauen und Menschen mit neuropsychologischen Besonderheiten mehr gesellschaftliche Akzeptanz zu verschaffen. Problematisch wird er dort, wo aus berechtigter Anerkennung die Vorstellung entsteht, Veränderung sei weder möglich noch wünschenswert. Zwischen der Aussage „Du bist nicht schuld an deiner Erkrankung“ und der Aussage „Du kannst dich nicht entwickeln“ besteht ein erheblicher Unterschied.
Psychotherapie lebt gerade von der Annahme menschlicher Entwicklungsfähigkeit, statt materialistischer Verdinglichung.
Wenn psychisches Leiden ausschließlich als leidvolle Variante neuronaler Verschaltungen verstanden wird, werden strukturell pharmakologische Lösungen privilegiert. Dabei zeigen die Leitlinien, dass insbesondere bei Erwachsenen mit ADHS eine Kombination aus Psychoedukation, Psychotherapie, alltagsbezogenen Interventionen und – sofern indiziert – medikamentöser Behandlung den größten Nutzen verspricht.
Jede psychische Erkrankung besitzt materielle Korrelate im Gehirn und zugleich eine subjektive Bedeutungsgeschichte. Depressionen verändern Neurotransmittersysteme ebenso wie Psychosen, Suchterkrankungen oder ADHS. Aus der Existenz neuronaler Veränderungen folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass psychologische Entwicklungsmöglichkeiten erschöpft wären.
Gabor Maté beschreibt ADHS in Scattered Minds nicht primär als Defekt des Gehirns, sondern als Ausdruck eines Nervensystems, das unter frühen Entwicklungsbedingungen bestimmte Formen der Selbstregulation ausgebildet hat. Symptome wie motorische Unruhe, Tagträumen, gedankliches Abschweifen oder impulsives Handeln versteht er als ursprünglich adaptive Bewältigungsstrategien eines überforderten Organismus. Was in einer frühen Lebensphase der Affektregulation dient, kann im späteren Leben selbst zum Leiden werden. Diese bindungsorientierte Deutung ist innerhalb der ADHS-Forschung umstritten und entspricht nicht dem wissenschaftlichen Mainstream. Sie lenkt jedoch den Blick auf eine therapeutisch bedeutsame Frage: Welche Funktion erfüllt ein Symptom – und welche neuen Formen der Selbstregulation können an seine Stelle treten?
Aus einer philosophischen Perspektive lässt sich dieser Gedanke auch mit der ayurvedischen Psychologie illustrieren. Dort werden unterschiedliche Qualitäten menschlichen Erlebens nicht als starre Eigenschaften verstanden, sondern als subtile Bewusstseinsqualitäten. Tamas steht für Erstarrung, Schwere und Rückzug – Zustände, die an depressive Symptomatik erinnern können. Rajas beschreibt Unruhe, Impulsivität und Getriebenheit – Phänomene, die Parallelen zur ADHS-Symptomatik aufweisen. Ziel psychischer Entwicklung ist nicht die Eliminierung dieser Qualitäten, sondern ihre Integration in Richtung Sattva: Klarheit, Präsenz, Ausgeglichenheit und bewusste Selbstregulation.
Natürlich handelt es sich hierbei nicht um eine medizinische Theorie der ADHS-Entstehung, sondern um ein philosophisches Modell menschlicher Entwicklung. Es erinnert jedoch an einen Gedanken, der auch der modernen Psychotherapie zugrunde liegt: Menschen sind mehr als die Summe ihrer neuronalen Verschaltungen. Sie entwickeln sich in Beziehungen – und gerade deshalb bleiben sie entwicklungsfähig.
Literatur
Bateman, Anthony W.; Fonagy, Peter (2023).
Handbook of Mentalizing in Mental Health Practice. 3. Auflage.
Washington, DC: American Psychiatric Association Publishing.
Bohm, David & Peat, Francis David (1990): Das neue Weltbild. Naturwissenschaft, Ordnung und Kreativität. München: Goldmann.
Fonagy, Peter; Gergely, György; Jurist, Elliot L.; Target, Mary (2002).
Affect Regulation, Mentalization and the Development of the Self.
New York: Other Press.
Fuchs, Thomas (2021).
Das Gehirn – ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption.
Stuttgart: Kohlhammer.
Maté, Gabor (2023).
Scattered Minds: The Origins and Healing of Attention Deficit Disorder.
Revised Edition. London: Vermilion.