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Aus dem unbedingten Drang, sich etwas aneignen zu wollen, sich etwas einverleiben zu wollen, entsteht Leid. Das ist die zweite edle Wahrheit des Buddha. Der Mensch ist ein wünschender. Zu wünschen, zu dursten, das ist kein moralischer Fehler. Aber ein strategischer, immer dann, wenn uns die Begierde um die Ohren fliegt; wenn der Begierde eine Richtung, eine Unterscheidungskraft fehlt. Wenn der Rauchende seine Fluppe qualmt, sein Objekt an die Lippen führt, zieht, und dieses Mischgefühl aus Schmerz, Betäubung und Belohnung die Raucherstraße herunterwandern lässt, begräbt er eine lebendige Begierde, einen Durst, den er nicht zu benennen vermag. Das Maß an Unbestimmtheit seiner Sehnsucht fasst er zusammen in einem Begriff: Ich habe Schmacht.

Weißer Rauch und blauer Dunst

Natürlich schreibt der Rauchende sich auch in eine Inszenierungstradition ein. Ich rauche, also bin ich (hip). Gleichzeitig umgarnt und bezirzt er im Rauchen eine Wahrheit in sich, die tiefer liegt als dieses oberflächliche Geplapper um die Coolness. Er trifft seinen Körper, diejenigen Teile seines Körpers, die vom Rauch berührt werden, Stellen, an denen der Rauch unmittelbar kratzt und ankommt. Da gibt es den Hals, die Luftröhre, die Lunge, auch das Herz klopft merklich schneller, die Bauchdecke hebt und senkt sich (sie schmust das Shirt) und vielleicht drängt das freigesetzte Noradrenalin bis in die Genitalien vor. Beim Rauchen streichle ich mich. Ich streichle die Stellen, an denen sich meine Gefühle verkörpern. Ich berühre den Ekel im Verdauungstrakt von oben bis unten, ummantele den Kloß im Hals, ich drücke die Brust, grüße den Solarplexus und sage Hallo zur Wut im Bauch. Das Bewusstsein tastet sich vor – in den Schutzhandschuhen Marke Marlboro. Ich treffe mich, indem ich den Rauch in meinem Körper beobachte (und er ist eine schrille Diva, er kreischt nach Aufmerksamkeit).

Techniken der Berührung: Meditieren, Lieben, Rauchen

Die Mutigen kennen die Vorzüge des Rauchens, des Bodyscans, der direkten Körperwahrnehmung. Seine Organe zu kontaktieren, die Muskeln zu spüren, die verkörperten Gefühl auszuhalten: in all dem ähnelt das Rauchen der Meditation. Meditieren ist Rauchen minus Rauch. Genauso mutig verhalten sich Liebende, wenn sie sich das körperliche und seelische Zentrum ihrer Liebe bewusstmachen und verschenken. Fans der Fluppe stechen in denselben See wie Meditierende und Romantiker, wenn auch unter anderer Flagge. Sie gehen auf Selbstfindungstrip. Rauchen umgarnt Gefühle, vermeidet und verkleidet, aber kontaktiert sie doch.

Alles Schall und Rauch: Technik der Distanzierung

Der Rauch dockt an, doch seine Funktion trägt (leider) eine Doppelnatur: berühren und ausweichen, das Nikotin zeigt mir und vermeidet Gefühle, es ist weißer Rauch und blauer Dunst, es wendet sich dem Kloß im Hals mütterlich zu, wie es ihm sofort auch ein stärkeres Gefühl entgegensetzt, ihn seziert. Der Rauchende bekämpft Feuer mit Feuer, kompensiert eine Intensität mit einer anderen, wobei das nikotininduzierte Gefühl als unbedrohlicher empfunden wird als die originale Erregung. Dieser Zweitschmerz kommt aus der Kippe, nicht aus der Seele. Ähnliches passiert auf gedanklicher Ebene. Kippen machen dizzy. Die Zigarette schneidet den Strom der Gedanken ab. Schnapp. Rauchen verdrängt so unerwünschte Gefühle und vermeidet unangenehme Erfahrungen mit sich selbst.

Die Beziehung zum Gefühl

So funktioniert das Rauchen doppelt, antagonistisch: Wir widmen uns unseren verkörperten Empfindungen und trennen uns von ihnen im selben Atemzug. Man kann auch sagen: die Zigarette reguliert die Beziehung zum Gefühl. Menschen sind fühlende Wesen. Gleichzeitig basteln wir enorme Gegenstrategien, die dafür sorgen, dass die Möglichkeit zu fühlen nicht in eine Notwendigkeit abdriftet. Uns soll niemals ein unverhülltes Empfinden direkt ins Gesicht springen. Eine Sicherheitsnadel heftet dem Fühlen stets einen Fetzen Unechtheit an, das nackte Gefühl wird bedeckt, verschleiert, Angst wird absorbiert: wie in der berauschten Verbindung beim Bierabend, wie im kontrollierten Kontrollverlust im Kino, wie in dem just a little too much einer Liebeserklärung. So macht auch die Kippe aus jeder Situation ein bisschen Theater, ein bisschen Droge – nicht den psychotischen Surrealismus einer LSD-Party, doch der entkleideten Wahrheit der Situation wird doch ausgewichen. Das Nikotin schiebt zwischen Selbst und Gefühl eine dimmbare Schranke, entwaffnet alles Affektive von dessen roher Echtheit.

Das zitternde Nichtraucher-Selbst

Woher aber diese Panik, der Horror vor der Möglichkeit, Nichtraucher zu sein? Präziser müsste man fragen: woher die Angst vor einem möglichen Selbst, das sich als Nichtraucher erfährt? Der Unterschied zwischen den beiden Fragen besteht darin, dass es dem Raucher nicht darum geht, etwas sein zu lassen. Er schützt vielmehr sein Selbst vor einer unmöglichen Umwelt (der Nichtraucherwelt), einem Horror-Kontext. Deshalb die Frage: Woher die Angst vor einem möglichen Selbst, das sich als Nichtraucher erfährt? Es ist die Angst vor einer defizitären Welt, die sich um ein schwarzes Loch herumkonstruiert: um den Schmacht. Schmacht fasst den Schein einer Sucht zusammen, die sich körperlich ausdrückt (wie auch andere psychosomatische Schmerzen), aber ausschließlich situational auftritt (kaum ein Raucher wacht nachts zum Rauchen auf). In der Schmacht schmachte ich nach der Lösung undifferenzierter Begierden. Ich spüre etwas und verwechsele meine Sehnsucht. Ich begehre einen Zustand, ein Dasein und sehe das Eigentliche der Begierde nicht.

Schmacht als Einladung des Körpers, etwas zu fühlen

Wer das Rauchen aufgibt, legt kein Laster ab. Nichtraucher werden ist die Erlösung von einem nicht funktionierenden Erlösungsversuch. Er funktioniert nicht, weil in dieser Form der Atmung zu viel Droge steckt und zu wenig Klarheit, also zu viel unfreiwillige Verwirrung. Und damit paradoxerweise zu wenig Kontrolle über sich und seine Gefühle. Sich zu erlösen bedeutet, einen mutigen – aber äußerst minimalen – Unterschied im Alltag einzuführen: die undifferenzierte Begierde zu fühlen, in sie zu atmen. In den Schmacht zu atmen, den Schmacht als Gegenstand meiner Meditation zu nutzen, bedeutet, ihn umzudrehen; dem undifferenzierten Wunsch eine Farbe und eine Textur zu geben. Der Weg, der sich in diesem Kontakt ebnet, hat eine klare Teleologie. Diese ist nicht der nächste Kiosk, sondern Selbsterkenntnis.